Schmerz und Schmerzempfindung

Epidemiologie und gesellschaftliche Relevanz

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Chronische Schmerzen stellen in Deutschland ein erhebliches gesundheitliches und sozioökonomisches Problem dar. Aktuelle Daten zeigen:

  • Etwa 23 Millionen Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen
  • 6 Millionen sind dadurch im Alltag eingeschränkt
  • 3,4 Millionen gelten als schwer schmerzkrank
  • Bei 2,2 Millionen hat sich der Schmerz zu einer eigenständigen, komplexen psychosozialen Erkrankung entwickelt[1]

Die geschlechtsspezifische Verteilung von Schmerzen in verschiedenen Körperregionen zeigt deutliche Unterschiede:

KörperregionFrauenMänner
Rücken67%58%
Nacken55%36%
Kopf55%33%
Knie47%35%
Schulter45%32%
Hüfte39%24%

Diese Daten verdeutlichen, dass Frauen in allen genannten Körperregionen häufiger von Schmerzen betroffen sind als Männer[2].

Schmerzmittelmarkt und -verbrauch

Der Schmerzmittelverbrauch in Deutschland liegt im europäischen Vergleich eher niedrig. Schweden und Frankreich verzeichnen einen dreimal höheren Pro-Kopf-Verbrauch. Dennoch wächst der Umsatz mit Schmerzmitteln in Deutschland stetig:

SchmerzmittelAnalgetika
Analgetika sind Medikamente zur Behandlung von Schmerzen, die je nach Wirkmechanismus in Nicht-Opioid-Analgetika, Opioide und Koanalgetika unterteilt werden. In der Anästhesie werden sie zur intra- und postoperativen Schmerztherapie eingesetzt und häufig im multimodalen Konzept kombiniert, um Nebenwirkungen zu minimieren.
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– Umsatz Deutschland (Milliarden EUR)

Der Umsatz mit Schmerzmitteln in Deutschland erreichte 2022 einen Wert von 1,05 Milliarden Euro[3].

Die Umsätze für ausgewählte Wirkstoffe im Schmerzmittelmarkt zeigen folgende Verteilung:

WirkstoffUmsatz in Millionen Euro
Ibuprofen157
Diclofenac156
Metamizol70
Paracetamol48
TramadolTramadol
Tramadol ist ein schwach wirksames Opioid mit zusätzlicher Wirkung auf Serotonin- und Noradrenalin-System. Es wird bei mittelstarken Schmerzen eingesetzt, kann aber Übelkeit, Schwindel und in Kombination mit anderen serotonergen Substanzen ein Serotoninsyndrom auslösen.
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ASS21

Definition und Klassifikation von Schmerz

Die International Association for the Study of Pain (IASP) definiert Schmerz als „eine unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung verbunden ist oder dieser ähnelt“[1].

Grundsätzlich lassen sich folgende Schmerzarten unterscheiden:

Nozizeptiver Schmerz:

  • Somatisch:
    • Oberflächenschmerz (Haut): spitz-stechend
    • Tiefenschmerz (Muskeln, Bindegewebe, Knochen): dumpf-drückend
  • Viszeral:
    • Eingeweideschmerz (Organe in Brust, Bauch und Becken): diffus, schlecht lokalisierbar, kolikartig

Neuropathischer Schmerz:

  • Durch Nervenschädigung verursacht
  • Oft als elektrisierende Schmerzattacken wahrgenommen

Akuter vs. chronischer Schmerz

Akuter Schmerz:

AspektCharakteristik
FunktionBiologische Warn- und Schutzfunktion
Ursache-Folgen-BeziehungUrsache meist klar
Physiologische ReaktionFluchtreflexe
SchmerzeinteilungNozizeptiv, neuropathisch
Dauer4 Wochen (bis 3 Monate)
BewertungSchmerz wird als das bewertet, was er ist
StörungPrimär körperliche Störung mit möglichen psychischen Begleitsymptomen

Chronischer Schmerz:

AspektCharakteristik
FunktionEigenständige Erkrankung
Ursache-Folgen-BeziehungUrsache häufig unklar, Folgen weichen von Ursache ab
Physiologische ReaktionSensibilisierungsprozesse
SchmerzeinteilungBio-Psycho-Soziales Krankheitsmodell
Dauer> 3-6 Monate
BewertungAffektiv, katastrophisierend, Angst auslösend
StörungTransfer zu psychischen Störungen mit körperlichen Begleitsymptomen

Einflussfaktoren auf das Schmerzerleben

Das Schmerzerleben wird durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren beeinflusst:

Einflussfaktoren auf das Schmerzerleben

Schmerzerkennung in der klinischen Praxis

Die Erkennung von Schmerzen basiert auf der Beobachtung verschiedener Indikatoren:

Physiologische Zeichen:

  • Tachykardie
  • Tachypnoe
  • Hypertonie
  • Erweiterte Pupillen
  • Veränderung der Gesichtsfarbe
  • Schwitzen

Verhaltensbasierte Zeichen:

  • Grimasieren
  • Erhöhter MuskeltonusMuskeltonus
    Grundspannung der Muskulatur in Ruhe. Wird durch Narkosetiefe, Muskelrelaxanzien, Lagerung und neurologische Faktoren beeinflusst und ist wichtig für OP-Bedingungen und Lagerungsschäden.
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  • Schonhaltungen
  • Verbale Äußerungen

Folgen und Begleitsymptome chronischer Schmerzen

Chronische Schmerzen können weitreichende Auswirkungen haben:

  • Psychische Beeinträchtigungen: Angst, Depression, Suchtgefahr
  • Soziale Isolation
  • Einschränkungen im Berufsleben
  • Verminderung der Lebensqualität

Fazit für die klinische Praxis

  • Schmerzwahrnehmung ist individuell und subjektiv. Der Grundsatz „Wenn der Patient sagt, er hat Schmerzen, hat er Schmerzen“ sollte stets berücksichtigt werden.
  • Eine frühzeitige und adäquate Schmerzbehandlung ist essentiell, um einer Chronifizierung vorzubeugen.
  • Die Anwendung standardisierter Schmerzassessments und die Berücksichtigung individueller Faktoren sind von zentraler Bedeutung.
  • Ein multimodaler Therapieansatz, der sowohl pharmakologische als auch nicht-pharmakologische Maßnahmen umfasst, hat sich in der Behandlung chronischer Schmerzen bewährt.
  • Die kontinuierliche Fortbildung des medizinischen Fachpersonals im Bereich der SchmerztherapieSchmerztherapie
    Schmerztherapie umfasst alle Maßnahmen zur Linderung akuter und chronischer Schmerzen, z. B. systemische Analgetika, Regionalanästhesie, PCA und nicht-medikamentöse Verfahren. Im perioperativen Setting steht die multimodale Analgesie im Vordergrund.
    [Zum Glossareintrag]
    ist unerlässlich, um eine optimale Versorgung der Patienten zu gewährleisten und den wachsenden Herausforderungen in diesem Bereich gerecht zu werden.

Quellen

[1] Wörz, R/Johannes Horlemann/Gerhard Müller-Schwefe (2022): Auswirkungen, Chronifizierung, Epidemiologie, zeitgemäße Diagnostik, in: Schmerzmedizin, Springer Science+Business Media, Bd. 38, Nr. 4, S. 46–50.

[2] Statista: Verteilung von Schmerz in Deutschland nach Körperregion und Geschlecht im Jahr 2017.

[3] Statista Market Insights: Schmerzmittel – Umsatz Deutschland.

AWMF. (2009). S3-Leitlinie Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen.

Stumvoll A. (2010). Akutschmerztherapie – postoperative Schmerztherapie. intensiv ; 18(04): 177 – 182.

Taghizadeh, H., & Benrath, J. (2019). Allgemeine Aspekte. In Pocket Guide Schmerztherapie (pp. 1-30). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.

Thomm, M. (2016). Schmerzmanagement in der Pflege (Vol. 2). Berlin, Heidelberg: Springer, Berlin, Heidelberg.

Töpfer, L., Vater, J., Boldte, M., & Keppeler, P. (2016). BASICS AnästhesieKreissystem
Im Anästhesiekreissystem wird das Atemgas rückgeführt, gefiltert und mit frischem Gas ergänzt. Es ermöglicht effiziente Inhalationsanästhesie, CO₂-Elimination über den Kalkabsorber und Einstellung der Narkosegase.
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, IntensivmedizinIntensivmedizin
Die Intensivmedizin befasst sich mit der Diagnostik und Therapie lebensbedrohlich erkrankter Patienten. Sie umfasst erweitertes Monitoring, Organersatzverfahren wie Beatmung oder Dialyse sowie ein interdisziplinäres Management zur Stabilisierung und Rehabilitation.
[Zum Glossareintrag]
und Schmerztherapie: Elsevier Health Sciences Germany.

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