17. Januar 2025

Fentanyl

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FentanylFentanyl
Fentanyl ist ein hochpotentes synthetisches Opioid-Analgetikum, das in der Anästhesie und Schmerztherapie eingesetzt wird. Es zeichnet sich durch eine etwa 100-fach stärkere analgetische Wirkung als Morphin aus. Fentanyl wird sowohl bei der Narkoseeinleitung und -aufrechterhaltung als auch zur Behandlung starker chronischer Schmerzen verwendet. Es ist in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich, darunter Injektionslösungen, Pflaster und Nasensprays.
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ist ein stark wirksames, vollsynthetisches OpioidOpiat
Opiate sind starke Schmerzmittel, die direkt aus dem Opium (z. B. Morphin, Codein) gewonnen werden. Im klinischen Alltag wird der Begriff oft unscharf auch für synthetische Opioide verwendet. Sie wirken über Opioidrezeptoren im ZNS und sind fester Bestandteil vieler anästhesiologischer Verfahren.
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, das insbesondere in der AnästhesieKreissystem
Im Anästhesiekreissystem wird das Atemgas rückgeführt, gefiltert und mit frischem Gas ergänzt. Es ermöglicht effiziente Inhalationsanästhesie, CO₂-Elimination über den Kalkabsorber und Einstellung der Narkosegase.
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und IntensivmedizinIntensivmedizin
Die Intensivmedizin befasst sich mit der Diagnostik und Therapie lebensbedrohlich erkrankter Patienten. Sie umfasst erweitertes Monitoring, Organersatzverfahren wie Beatmung oder Dialyse sowie ein interdisziplinäres Management zur Stabilisierung und Rehabilitation.
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zur intraoperativen und postoperativen SchmerztherapieSchmerztherapie
Schmerztherapie umfasst alle Maßnahmen zur Linderung akuter und chronischer Schmerzen, z. B. systemische Analgetika, Regionalanästhesie, PCA und nicht-medikamentöse Verfahren. Im perioperativen Setting steht die multimodale Analgesie im Vordergrund.
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eingesetzt wird. Es ist strukturell vom Phenylpiperidin-Typ abgeleitet und weist im Vergleich zu MorphinMorphin
Stark wirksames Opioid und Referenzsubstanz der Opioidanalgesie. Wirkt analgetisch, sedierend und anxiolytisch, mit vergleichsweise langsamer Anflutung und längerer Wirkdauer. Typische Nebenwirkungen: Übelkeit, Obstipation, Atemdepression.
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eine deutlich höhere Lipophilie sowie eine kürzere Wirkdauer auf. Fentanyl gilt als Standardopioid in der modernen AllgemeinanästhesieAllgemeinanästhesie
Die Allgemeinanästhesie ist ein reversibler Zustand, der durch Medikamente gezielt herbeigeführt wird. Sie umfasst Bewusstlosigkeit, Schmerzfreiheit (Analgesie), Amnesie und Reflexdämpfung. Das zentrale Nervensystem wird kontrolliert ausgeschaltet, um operative Eingriffe ohne Belastung für den Patienten zu ermöglichen. Die Beatmung erfolgt meist kontrolliert.
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Allgemeine Informationen

Wirkstoffname (INN): Fentanyl
Handelsnamen: Fentanyl AL®, Fentanyl-Janssen®, Generika
Wirkstoffklasse: stark wirksames, vollsynthetisches Opioid
Molekularformel: C22H28N2O
Organoleptische Eigenschaften: klare, farblose Lösung (Injektion), transdermale Pflaster
Erscheinungsform: Injektionslösung, transdermales System, Lutschtabletten (nicht in DE gebräuchlich)

Morphin-Potenz

Fentanyl ist etwa 80- bis 100-mal potenter als Morphin. Aufgrund seiner hohen Lipophilie tritt die Wirkung schnell ein, allerdings hält sie nur kurz an. Die Potenz variiert je nach Applikationsform, z. B. transdermal oder intravenös.

Pharmakologie

Fentanyl wirkt als starker Agonist an μ-Opioidrezeptoren. Es zeigt eine ausgeprägte analgetische, sedierende und atemdepressive Wirkung. Im Vergleich zu Morphin hat es eine geringere emetogene und histaminfreisetzende Wirkung. Es wird bevorzugt bei kürzeren operativen Eingriffen und zur intraoperativen Schmerztherapie eingesetzt.

PharmakodynamikPharmakodynamik
Pharmakodynamik beschreibt, wie ein Medikament im Körper wirkt – also die Beziehung zwischen Wirkstoffkonzentration und pharmakologischer Wirkung. Dazu gehören u. a. Wirksamkeit, Potenz und Nebenwirkungen.
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Wirkmechanismus: hochaffiner Agonist an μ-Opioidrezeptoren
Wirkungseintritt: i.v. innerhalb von 1–2 Minuten
Wirkdauer: ca. 30–60 Minuten (i.v.)
Besonderheiten: starke Lipophilie, Gefahr der Thoraxrigidität bei BolusgabeBolusgabe
Bolusgabe bedeutet die schnelle Verabreichung einer definierten Medikamentenmenge, etwa zur Analgesie oder Kreislaufstabilisierung.
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PharmakokinetikPharmakokinetik
Pharmakokinetik beschreibt den Weg eines Medikaments durch den Körper: Aufnahme (Absorption), Verteilung, Metabolisierung und Ausscheidung. Diese Prozesse bestimmen Wirkbeginn, Wirkstärke und Wirkdauer.
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Bioverfügbarkeit: transdermal ca. 90 %, transmukosal ca. 50 %
Metabolisierung: hepatisch über CYP3A4 zu inaktiven Metaboliten
Halbwertszeit: 2–4 Stunden (i.v.), bis zu 17 h (transdermal)
Ausscheidung: renal, vorwiegend als Metabolite

Erhältliche Konzentrationen und Zubereitungen

  • Injektionslösung: 0,05 mg/ml (50 μg/ml) in 2 ml-, 10 ml-Ampullen
  • Transdermale Systeme: 12, 25, 50, 75, 100 μg/h (Wirkdauer 72 h)

Anwendungsgebiete

  • Intraoperative AnalgesieAnalgesie
    Analgesie bezeichnet den Zustand der Schmerzfreiheit oder deutlich reduzierten Schmerzempfindung bei erhaltenem Bewusstsein. Sie kann medikamentös, z. B. durch Opioide und Nicht-Opioid-Analgetika, oder regionalanästhesiologisch erreicht werden und ist ein zentrales Ziel der perioperativen Versorgung.
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    im Rahmen der Allgemeinanästhesie
  • Postoperative Schmerztherapie (i.v. oder transdermal)
  • Chronische Schmerzen (insb. onkologische Patienten, Pflaster)
  • Schmerzhafte Interventionen (z. B. BronchoskopieBronchoskopie
    Die Bronchoskopie erlaubt die direkte Sicht auf Trachea und Bronchien. Sie wird zur Diagnostik, Fremdkörperentfernung oder Intubationshilfe eingesetzt.
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    , Kardioversion)

Dosierung

Erwachsene:
– Einleitung: 1–2 μg/kg KG i.v.
– Aufrechterhaltung: 0,5–1 μg/kg KG alle 30–60 min oder PerfusorPerfusor
Ein Perfusor ist eine Spritzenpumpe zur präzisen, kontinuierlichen oder intermittierenden Medikamentengabe, z. B. von Vasopressoren, Sedativa oder Analgetika. Er ermöglicht eine exakte Dosierung über längere Zeiträume.
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– Transdermal: individuell, je nach Bedarf 12–100 μg/h

Kinder:
– 1–2 μg/kg KG zur NarkoseeinleitungNarkoseeinleitung
Phase, in der durch Gabe von Anästhetika der Narkosezustand hergestellt wird. Meist intravenös (z. B. Propofol) oder inhalativ, kombiniert mit Analgetikum und ggf. Muskelrelaxans.
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– Dosierung je nach Alter, Gewicht und AnästhesieverfahrenAnästhesieverfahren
Anästhesieverfahren umfassen die konkreten Methoden der Narkoseführung, z. B. inhalative oder totale intravenöse Anästhesie, Spinal- oder Periduralanästhesie. Die Auswahl richtet sich nach Eingriff, Patientenzustand und vorhandener Expertise und wird im Rahmen der Aufklärung mit dem Patienten besprochen.
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Hinweis: Fentanyl darf ausschließlich in überwachten klinischen Umgebungen eingesetzt werden, insbesondere bei parenteraler GabeGabe
Unter Gabe versteht man die Verabreichung eines Medikaments über einen definierten Applikationsweg wie oral, intravenös, intramuskulär oder rektal. Sie erfolgt nach klaren Dosierungsrichtlinien und ist zentraler Bestandteil sicherer medikamentöser Therapie.
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Nebenwirkungen

  • AtemdepressionAtemdepression
    Atemdepression bezeichnet eine durch zentrale oder periphere Ursachen reduzierte Atemtätigkeit mit Hypoventilation. Häufig ist sie medikamentös bedingt, etwa durch Opioide, Benzodiazepine oder Anästhetika, und erfordert je nach Ausprägung Sauerstoffgabe, Stimulationsmaßnahmen oder medikamentöse Antagonisierung.
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    , ApnoeApnoe
    Apnoe bezeichnet das vorübergehende Aussetzen der Atmung, entweder spontan oder im Rahmen einer Narkose. Sie kann medikamentös bedingt, reflektorisch ausgelöst oder Folge einer Atemwegsobstruktion sein und erfordert je nach Dauer und Situation eine gesicherte Ventilation.
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  • Thoraxrigidität („wooden chest“) bei schneller Bolusgabe
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Bradykardie, HypotonieHypotonie
    Hypotonie bezeichnet einen pathologisch niedrigen Blutdruck mit Risiko für unzureichende Organperfusion. Unter Anästhesie tritt sie häufig durch Vasodilatation, Blutverlust oder Medikamentenwirkung auf und wird mit Volumen, Vasopressoren oder Anpassung der Anästhesietiefe behandelt.
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  • Juckreiz, selten Hautreaktionen bei Pflastern

Wechselwirkungen

  • Verstärkte SedierungSedierung
    Sedierung bezeichnet die medikamentöse Dämpfung des zentralen Nervensystems, bei der der Patient beruhigt ist, aber je nach Tiefe ansprechbar bleiben kann. Ziele sind Angst- und Stressreduktion sowie bessere Toleranz von Eingriffen. Sie erfordert angepasstes Monitoring und Airway-Management.
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    bei Kombination mit Benzodiazepinen, PropofolPropofol
    Propofol ist ein schnell wirkendes Narkosemittel zur Einleitung und Aufrechterhaltung von Vollnarkosen. Es wird intravenös verabreicht und findet Anwendung bei Operationen und diagnostischen Eingriffen. Charakteristisch sind der rasche Wirkungseintritt und die kurze Wirkdauer. Propofol wird auch zur Sedierung auf Intensivstationen eingesetzt. Es eignet sich für Erwachsene und Kinder und bietet eine gute Steuerbarkeit der Narkosetiefe.
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    etc.
  • CYP3A4-Inhibitoren (z. B. Makrolide, Ketoconazol) erhöhen Fentanyl-Spiegel
  • Serotonerge Substanzen können Risiko für Serotonin-Syndrom erhöhen

Kontraindikationen

  • Unbehandelte Ateminsuffizienz
  • Überempfindlichkeit gegen Fentanyl oder verwandte Stoffe
  • Fehlende Beatmungssicherung bei Bolusgabe

Besondere Vorsichtsmaßnahmen

  • Enge ÜberwachungMonitoring
    Kontinuierliche Überwachung physiologischer Parameter wie EKG, Blutdruck, SpO₂, Atemfrequenz, Kapnographie und Temperatur während Anästhesie oder Intensivtherapie, um kritische Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
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    der AtmungRespiration
    Respiration bezeichnet den Prozess des Gasaustauschs über die Lunge: Aufnahme von Sauerstoff und Abgabe von Kohlendioxid. Sie ist lebenswichtig für den Zellstoffwechsel und wird im OP und auf Intensivstation kontinuierlich überwacht.
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    notwendig
  • Antidot (NaloxonNaloxon
    Kompetitiver Opioidantagonist zur Aufhebung der Opioidwirkung, insbesondere bei Atemdepression und Überdosierung. Wirkt rasch, hat eine kurze Halbwertszeit und muss ggf. wiederholt gegeben oder als Dauerinfusion verabreicht werden. Hebt sowohl analgetische als auch unerwünschte Opioideffekte auf.
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    ) sollte verfügbar sein
  • Bei transdermaler Gabe regelmäßige Hautkontrollen durchführen

Lagerungshinweise

  • Injektionslösung: bei Raumtemperatur, lichtgeschützt lagern
  • Pflaster: kühl, trocken und kindersicher aufbewahren

Missbrauchspotenzial / Betäubungsmittelrecht

Fentanyl unterliegt dem BtMG und hat ein sehr hohes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. Es zählt zu den gefährlichsten Opioiden bei unsachgemäßer Anwendung.

Sonstiges / Besonderheiten

  • Teil von TIVATIVA
    TIVA (Totale intravenöse Anästhesie) bezeichnet eine Narkose, die ausschließlich mit intravenös verabreichten Medikamenten (z. B. Propofol, Remifentanil) durchgeführt wird. Sie wird in der Regel über Perfusoren gesteuert und ist bei PONV-Risiko oder neurochirurgischen Eingriffen besonders beliebt.
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    -Konzepten (z. B. Propofol + Fentanyl)
  • In Notfallsituationen zur Schmerz- und Reflexdämpfung einsetzbar
  • Weltweit eines der am häufigsten eingesetzten OpioideOpioide
    Opioide Analgetika spielen eine zentrale Rolle in der modernen Anästhesie und perioperativen Schmerztherapie. Als potente Schmerzmittel entfalten sie ihre Wirkung primär über die Bindung an Opioidrezeptoren, insbesondere μ-Rezeptoren, im zentralen Nervensystem.
    [Zum Glossareintrag]
    in der Anästhesie

Zusätzliche Hinweise

Fentanyl sollte niemals unverdünnt schnell intravenös gegeben werden – Gefahr der Thoraxrigidität!

Quellen und weiterführende Literatur

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