30. August 2025

Die Obersturmschwester – zwischen Braunüle und Kasernenhof

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Wir  kennen sie alle, und wenn nicht, dann zumindest vom Hörensagen: Marion, Gabi, Helga, Doris, Roswitha, Ute, Brigitte oder Anneliese. Namen, die eigentlich nach Kaffeekränzchen klingen, nach selbstgebackenem Bienenstich, 4711 Kölnisch Wasser und Häkeldeckchen. Doch im OP verwandeln sie sich in etwas völlig anderes: in die sagenumwobene „Obersturmschwester“.

Ihre Präsenz ist unverkennbar: kein Anästhesist, keine Pflegekraft, keine ATA-Schülerin kann ihr entgehen. Mit einer Mischung aus Verachtung für alles und alle und latentem Terrorismus schreitet sie durch den Saal. Wo sie auftaucht, riecht es nicht nach SevofluranSevofluran
Sevofluran ist ein modernes inhalatives Anästhetikum mit einem angenehmen Geruch, das häufig bei der Anästhesieinduktion und -aufrechterhaltung eingesetzt wird. Es zeichnet sich durch eine schnelle Anflutung und gute Steuerbarkeit aus.
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und Sterillium, sondern nach Angstschweiß und Demut.

Die Obersturmschwester erkennt man an drei Dingen:

  1. Der Blick – ein Augenpaar, das Löcher in Seelen brennt

  2. Der Gang – kein normales Gehen, sondern ein schneidiges Klacken der Clogs, als marschiere sie in Formation.

  3. Die Stimme – zwischen Trillerpfeife, Rauchmelder und Opernchor, durchdringend, wenn sie ruft: „Das haben wir schon immer so gemacht!“

Man sagt, Ärzte haben das letzte Wort. Das stimmt nicht. Die Obersturmschwester – ob sie nun Helga, Roswitha, Ute oder Brigitte heißt – hat das erste, das letzte und dazwischen jedes zweite. Sie verteilt EKGEKG
Das Elektrokardiogramm (EKG) registriert die elektrische Herzaktivität und dient der Erkennung von Rhythmusstörungen, Ischämien und Leitungsstörungen. Es ist ein Standardmonitor im OP.
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-Elektroden wie Strafbefehle, zählt Ampullen mit der Präzision einer DDR-Grenzpatrouille und kann mit einer Augenbraue mehr Angst erzeugen als jede Nachprüfung im Examen.

Der Mythos besagt, dass es eigentlich nur eine Obersturmschwester gibt, die seit Jahrzehnten durch die OP-Säle wandert und lediglich den Namen ändert – mal Marion, mal Doris, mal Gabi oder Anneliese. Eine Art medizinische Reinkarnation, die immer dann auftaucht, wenn der ATA-Schüler das erste Mal mit dem PerfusorPerfusor
Ein Perfusor ist eine Spritzenpumpe zur präzisen, kontinuierlichen oder intermittierenden Medikamentengabe, z. B. von Vasopressoren, Sedativa oder Analgetika. Er ermöglicht eine exakte Dosierung über längere Zeiträume.
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kämpft oder die junge Assistenzärztin den TubusEndotrachealtubus
Ein Schlauch zur Sicherung der Atemwege, wird bei Intubation in die Luftröhre eingeführt.
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nicht in die Trachea kriegt. Dann ist sie in ihrem Element und man kriegt den Eindruck, als hätte sie Pefusor, LaryngoskopLaryngoskop
Instrument zur direkten Darstellung des Kehlkopfes zur endotrachealen Intubation. Besteht aus Griff und Spatel (z. B. Macintosh, Miller). Spatelform, Lichtquelle und Technik beeinflussen die Sicht. Risiken: Zahnschäden, Schleimhautverletzungen.
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, Tubus und PropofolPropofol
Propofol ist ein schnell wirkendes Narkosemittel zur Einleitung und Aufrechterhaltung von Vollnarkosen. Es wird intravenös verabreicht und findet Anwendung bei Operationen und diagnostischen Eingriffen. Charakteristisch sind der rasche Wirkungseintritt und die kurze Wirkdauer. Propofol wird auch zur Sedierung auf Intensivstationen eingesetzt. Es eignet sich für Erwachsene und Kinder und bietet eine gute Steuerbarkeit der Narkosetiefe.
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selbst erfunden. Des nächstens. In einer Nacht.

Und auch, wenn man sich immer darauf freut, dass Schwester Hildegard ja bald in Rente geht – und ja, sie gehen immer bald in Rente – darf man sich sicher sein, dass keine Leere an ihrem Platz entsteht. Ihre nächste Reinkarnation steht schon bereit, diesesmal vielleicht als Edeltraut, Christel oder Sieglinde. Es geht also immer weiter. Und es steht zu befürchten, dass Schwester Erika auch dann noch über den OP-Flur marschiert, wenn wir alle längst das Rentendasein genießen. Aber eine Hoffnung bleibt: Nicht so zu werden wie Schwester Gabrielle.


Sei nicht so wie Gisela!
Oder wie Erika! 
Werde auch nicht so!
Confuzius

Aber mal im Ernst: Solche Kolleginnen (und auch Kollegen – die Autorin hat bislang aber nur solche Kolleginnen erlebt, daher deren traumatische Fixierung auf die „Schwestern“)  braucht niemand. Der OP ist kein Kasernenhof, die AnästhesieKreissystem
Im Anästhesiekreissystem wird das Atemgas rückgeführt, gefiltert und mit frischem Gas ergänzt. Es ermöglicht effiziente Inhalationsanästhesie, CO₂-Elimination über den Kalkabsorber und Einstellung der Narkosegase.
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kein Schützengraben. Zwischen EKG und Spritze geht es um Präzision, Teamwork und Vertrauen – nicht um Angstmacherei und Befehlsketten. Eine Obersturmschwester mag für Anekdoten taugen, aber in der Realität bremst sie das Team, vergiftet die Stimmung und macht den OP zu einem Schlachtfeld aus gekränkten Egos.

Was man dort wirklich braucht, sind Profis, die Ruhe ausstrahlen, Wissen teilen und Kollegialität leben – keine selbsternannten Feldwebel im weißen Kittel.

Ähnlichkeiten mit (mehr oder weniger) lebenden und/oder verrenteten Schwestern – ob im OP, in der Anästhesie oder sonstwo – sind selbstverständlich rein zufällig. Ganz ehrlich. Wirklich!

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