28. Juni 2026

Diabetes mellitus

Fakten auf einen Blick

  • Chronische Stoffwechselerkrankung mit dauerhaft erhöhter Blutglukose.
  • Typ-1-Diabetes: absoluter Insulinmangel.
  • Typ-2-Diabetes: Insulinresistenz mit später nachlassender Insulinproduktion.
  • PerioperativPerioperativ
    Perioperativ bezeichnet den gesamten Zeitraum rund um eine Operation: präoperative Phase (Vorbereitung und Diagnostik), intraoperative Phase (Anästhesie und Eingriff) und postoperative Phase (Überwachung und Nachsorge).
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    besonders relevant wegen Hypoglykämie-, Infektions- und AspirationsrisikoAspirationsrisiko
    Das Aspirationsrisiko beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass Mageninhalt oder andere Flüssigkeiten in die Lunge gelangen. Es wird durch Faktoren wie nicht eingehaltene Nüchternheit, Reflux, Ileus oder Schwangerschaft erhöht und beeinflusst die Wahl des Narkoseverfahrens und der Atemwegssicherung (z. B. rapid sequence induction).
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    .
  • SGLT2-Hemmer müssen perioperativ rechtzeitig beachtet werden.

Kurzdefinition und Einordnung

Inhaltsverzeichnis

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Der Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, bei der der Blutzuckerspiegel dauerhaft erhöht ist. Ursache ist ein absoluter Insulinmangel, eine verminderte Insulinwirkung oder eine Kombination aus beidem. Betroffen ist vor allem der Kohlenhydratstoffwechsel, langfristig jedoch nahezu jedes Organsystem. Für den OP und die AnästhesieKreissystem
Im Anästhesiekreissystem wird das Atemgas rückgeführt, gefiltert und mit frischem Gas ergänzt. Es ermöglicht effiziente Inhalationsanästhesie, CO₂-Elimination über den Kalkabsorber und Einstellung der Narkosegase.
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ist Diabetes besonders relevant, weil er das Risiko für Infektionen, Wundheilungsstörungen, kardiovaskuläre Komplikationen und akute Stoffwechselentgleisungen erhöht.

Leitsymptome

  • Polyurie.
  • Polydipsie.
  • Gewichtsverlust, vor allem bei Typ-1-Diabetes.
  • Müdigkeit und Leistungsminderung.
  • Langsame Wundheilung.
  • Wiederkehrende Infektionen.
  • Verschwommenes Sehen.

Ursachen und Formen

Typ-1-Diabetes

  • Autoimmunerkrankung.
  • Zerstörung der insulinproduzierenden Beta-Zellen des Pankreas.
  • Absoluter Insulinmangel.

Typ-2-Diabetes

  • Insulinresistenz der Körperzellen.
  • Im Verlauf nachlassende Insulinproduktion.
  • Relativer, später oft auch absoluter Insulinmangel.

Weitere Diabetesformen

  • Gestationsdiabetes.
  • Genetische Diabetesformen, zum Beispiel MODY.
  • Pankreaserkrankungen.
  • Medikamenteninduziert, zum Beispiel durch Glukokortikoide.

Risikofaktoren

  • Adipositas.
  • Bewegungsmangel.
  • Höheres Alter.
  • Familiäre Belastung.
  • Ungünstige Ernährung.
  • Metabolisches Syndrom.

Pathophysiologie

Insulin fehlt oder wirkt nicht ausreichend. Dadurch kann Glukose nicht genügend in Muskel- und Fettzellen aufgenommen werden. Der Blutzuckerspiegel steigt an, und die Niere scheidet überschüssige Glukose aus. Durch die osmotische Diurese entstehen Polyurie und Flüssigkeitsverlust. Trotz hoher Blutzuckerwerte leiden die Zellen unter Energiemangel, sodass der Körper Fett und Eiweiß abbaut. Bei Typ-1-Diabetes kann das bis zur Ketoazidose führen; bei Typ-2-Diabetes steht eher das hyperosmolare hyperglykämische Syndrom im Vordergrund. Chronische Hyperglykämie schädigt außerdem Blutgefäße und Nerven.

Symptome

Typische Symptome

  • Polyurie.
  • Polydipsie.
  • Müdigkeit.
  • Leistungsknick.
  • Gewichtsverlust.
  • Trockene Haut.
  • Verschwommenes Sehen.

Weitere mögliche Symptome

  • Juckreiz.
  • Pilzinfektionen.
  • Harnwegsinfekte.
  • Schlechte Wundheilung.
  • Parästhesien.

Warnzeichen / Red Flags

  • Bewusstseinsstörungen.
  • Acetongeruch der Atemluft.
  • Erbrechen.
  • Tiefe, schnelle AtmungRespiration
    Respiration bezeichnet den Prozess des Gasaustauschs über die Lunge: Aufnahme von Sauerstoff und Abgabe von Kohlendioxid. Sie ist lebenswichtig für den Zellstoffwechsel und wird im OP und auf Intensivstation kontinuierlich überwacht.
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    , zum Beispiel Kussmaul-Atmung.
  • Schwere Exsikkose.
  • Symptome einer Hypoglykämie wie Schwitzen, Zittern, Verwirrtheit, Krampf oder Bewusstlosigkeit.

Diagnostik

Klinische Untersuchung

  • Symptome der Hyper- oder Hypoglykämie.
  • Hydratationszustand.
  • Fußinspektion.
  • Neurologischer Status.
  • BlutdruckBlutdruck
    Blutdruck ist der Druck des Blutes in den Arterien. In der Anästhesie ist die kontinuierliche Überwachung entscheidend, um Hypo- oder Hypertonie rechtzeitig zu erkennen.
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    .
  • BMI.

Labor

Wichtige Laborparameter bei Diabetes mellitus
Parameter Bedeutung
BlutzuckerBlutzucker
Der Blutzucker ist der Glukosegehalt im Blut. Perioperativ ist eine Normoglykämie anzustreben, da Hyper- oder Hypoglykämie Komplikationen begünstigen.
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Akute Stoffwechsellage
HbA1c Durchschnittlicher Blutzucker der letzten 8–12 Wochen
Uringlukose Hinweis auf Hyperglykämie
Ketonkörper Nachweis einer Ketoazidose
BlutgasanalyseBGA
Die Blutgasanalyse (BGA) misst pH, pCO₂, pO₂, Elektrolyte und Laktat. Sie ist essenziell zur Beurteilung von Oxygenierung und Ventilation sowie des metabolischen Status.
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Azidosebeurteilung
ElektrolyteElektrolyte
Elektrolyte wie Natrium, Kalium oder Calcium sind essenziell für Zellfunktionen und Erregbarkeit. Perioperativ müssen Verschiebungen rasch erkannt und korrigiert werden.
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Kaliumverschiebungen erkennen
KreatininKreatinin
Kreatinin entsteht im Muskelstoffwechsel und wird renal filtriert. Es dient als Marker der Nierenfunktion und wird zur Abschätzung der glomerulären Filtrationsrate genutzt.
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/ eGFR
Nierenfunktion

Diagnosekriterien

  • Nüchternblutzucker ≥ 126 mg/dl.
  • HbA1c ≥ 6,5 %.
  • Gelegentlicher Plasma-Glukosewert ≥ 200 mg/dl mit typischer Symptomatik.
  • Pathologischer oGTT.

Weitere Diagnostik

  • Oraler Glukosetoleranztest, besonders bei unklaren Fällen.
  • Diabetes-Autoantikörper bei Verdacht auf Typ 1.
  • C-Peptid zur Beurteilung der körpereigenen Insulinproduktion.

Bildgebung

Nicht zur Diagnosestellung erforderlich, aber je nach Folgeerkrankung sinnvoll: Funduskopie, Gefäßdiagnostik, Duplexsonographie und Echokardiographie.

Therapie

Konservativ

  • Gewichtsreduktion.
  • Ernährungsumstellung.
  • Regelmäßige Bewegung.
  • Rauchstopp.
  • Patientenschulung.

Medikamentös

Medikamentöse Therapie des Diabetes mellitus
Medikament Wirkung Besonderheiten
Insulin Ersetzt fehlendes Insulin Unverzichtbar bei Typ 1
Metformin Senkt hepatische Glukoseproduktion Standard bei Typ 2
SGLT2-Hemmer Steigern Glukoseausscheidung über die Niere Risiko einer euglykämischen Ketoazidose
GLP-1-Rezeptoragonisten Steigern glukoseabhängige Insulinfreisetzung, fördern Gewichtsabnahme Verzögerte Magenentleerung
DPP-4-Hemmer Verlängern Wirkung körpereigener Inkretine Geringe Hypoglykämiegefahr
Sulfonylharnstoffe Steigern Insulinfreisetzung Erhöhtes Hypoglykämierisiko

Operativ

Der Diabetes selbst wird nicht operativ behandelt. Eingriffe erfolgen eher bei Begleiterkrankungen oder Folgen, zum Beispiel bariatrische Chirurgie bei Adipositas, Amputationen oder Revaskularisationen bei diabetischen Komplikationen.

Komplikationen

Akut

  • Hypoglykämie.
  • Diabetische Ketoazidose.
  • Hyperosmolares hyperglykämisches Syndrom.
  • Schwere Exsikkose.

Chronisch

  • Mikroangiopathie.
  • Diabetische Retinopathie.
  • Diabetische Nephropathie.
  • Diabetische Neuropathie.
  • Makroangiopathie.
  • Koronare Herzkrankheit.
  • HerzinfarktMyokardinfarkt
    Akute ischämische Nekrose von Herzmuskelgewebe infolge Koronargefäßverschluss. Klinisch relevant perioperativ durch erhöhtes Risiko bei KHK-Patienten; erfordert sorgfältige Risikoabschätzung und Überwachung.
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    .
  • Schlaganfall.
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit.
  • Diabetisches Fußsyndrom.
  • Chronische Wundheilungsstörungen.

Lebensbedrohlich

  • Hypoglykämisches Koma.
  • Ketoazidotisches Koma.
  • Hyperosmolares Koma.
  • Sepsis infolge diabetischer Infektionen.

Anästhesiologische Besonderheiten

Präoperativ

  • Aktuellen Blutzucker bestimmen.
  • HbA1c berücksichtigen.
  • Antidiabetika prüfen und perioperativ anpassen.
  • Insulintherapie individuell planen.
  • Folgeerkrankungen beachten, vor allem KHKKHK
    Bei koronarer Herzkrankheit besteht ein erhöhtes Risiko für perioperative Myokardischämien. Wichtig sind stabile Hämodynamik, Vermeidung von Tachykardie und Hypotonie sowie das Fortführen von β-Blockern und Statinen. Eine engmaschige Überwachung wird empfohlen.
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    , Nephropathie, Neuropathie und Gastroparese.
  • Erhöhtes AspirationsrisikoAspirationsrisiko
    Das Aspirationsrisiko beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass Mageninhalt oder andere Flüssigkeiten in die Lunge gelangen. Es wird durch Faktoren wie nicht eingehaltene Nüchternheit, Reflux, Ileus oder Schwangerschaft erhöht und beeinflusst die Wahl des Narkoseverfahrens und der Atemwegssicherung (z. B. rapid sequence induction).
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    bei Gastroparese bedenken.
  • SGLT2-Hemmer rechtzeitig pausieren.

Intraoperativ

  • Regelmäßige Blutzuckerkontrollen, bei längeren Eingriffen häufig alle 1 bis 2 Stunden.
  • Zielbereich je nach Setting und Patient individuell.
  • Engmaschige Kontrolle bei Insulininfusion.
  • Elektrolyte, besonders Kalium, überwachen.
  • Ausreichende FlüssigkeitstherapieVolumenersatz
    Volumenersatz bezeichnet die Gabe von Kristalloiden, Kolloiden oder Blutprodukten zur Behandlung von Volumenmangelzuständen, z. B. bei Blutverlust, Dehydratation oder Schock. Ziel ist die Stabilisierung von Kreislauf und Organdurchblutung.
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    sicherstellen.
  • Wärmeerhalt zur Vermeidung zusätzlichen Stoffwechselstresses.

Postoperativ

  • Diabetesmedikation früh und kontrolliert wieder aufnehmen.
  • Engmaschige Blutzuckerkontrollen fortführen.
  • Hypo- und Hyperglykämien vermeiden.
  • Wundheilung beobachten.
  • Infektionszeichen früh erkennen.

No-Gos / besondere Vorsicht

  • Unbehandelte Hypoglykämie.
  • Zu strenge Blutzuckereinstellung mit vermeidbarem Hypoglykämierisiko.
  • SGLT2-Hemmer perioperativ übersehen.

Praktisches Management

Vorbereitung

  • Blutzucker messen.
  • Diabetesausweis kontrollieren.
  • Aktuelle Medikation dokumentieren.
  • Infusionslösungen vorbereiten.
  • Hypoglykämiebehandlung bereithalten.

Assistenz / Durchführung

  • Regelmäßige Blutzuckermessungen.
  • Insulingabe nach ärztlicher Anordnung.
  • Dokumentation aller Werte.
  • Aseptisches Arbeiten wegen erhöhter Infektionsanfälligkeit.

Nachsorge

  • Nahrungsaufnahme berücksichtigen.
  • Blutzucker weiter überwachen.
  • Auf neurologische Veränderungen achten.
  • Fußkontrolle bei längerer Immobilisation.

Beobachtung

  • VigilanzVigilanz
    Vigilanz bezeichnet den Grad der Wachheit bzw. Bewusstseinslage eines Patienten, von klar orientiert bis komatös. In der Anästhesie dient die Vigilanzbeurteilung vor allem der Einschätzung von Narkosetiefe und postoperativem Verlauf.
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  • KreislaufKreislauf
    Der Kreislauf umfasst Herz und Blutgefäße und dient dem Transport von Sauerstoff, Nährstoffen, CO₂ und Medikamenten. In der Anästhesie stehen hämodynamische Stabilität und Organperfusion im Mittelpunkt.
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    .
  • Diurese.
  • Wundheilung.
  • Zeichen einer Hypo- oder Hyperglykämie.

Kommunikation

  • Letzte Blutzuckerwerte übergeben.
  • Besonderheiten der Medikation weitergeben.
  • Auffälligkeiten sofort melden.

Dokumentation

  • Blutzuckerwerte.
  • Insulindosen.
  • Medikamente.
  • Infusionen.
  • Besonderheiten und Komplikationen.

Merke

  • Typ-1-Diabetes bedeutet absoluten Insulinmangel.
  • Typ-2-Diabetes ist zunächst vor allem durch Insulinresistenz geprägt.
  • Hypoglykämien sind perioperativ oft gefährlicher als mäßige Hyperglykämien.
  • Gastroparese erhöht das Aspirationsrisiko.
  • Gute Blutzuckereinstellung verbessert Wundheilung und senkt Infektionen.

Epidemiologie

Etwa 90 bis 95 % aller Diabetesfälle entfallen auf den Typ-2-Diabetes. Typ-1-Diabetes macht etwa 5 bis 10 % aus. Die Häufigkeit nimmt weltweit zu, und Typ-2-Diabetes tritt zunehmend auch bei jüngeren Menschen auf, besonders bei Adipositas und Bewegungsmangel.

Mindmap

Quellen und weiterführende Links

Fach- und Leitlinienquellen

Perioperative und anästhesiologische Quellen

Deutschsprachige Weiterführungen

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