Diabetes mellitus

Fakten auf einen Blick
- Chronische Stoffwechselerkrankung mit dauerhaft erhöhter Blutglukose.
- Typ-1-Diabetes: absoluter Insulinmangel.
- Typ-2-Diabetes: Insulinresistenz mit später nachlassender Insulinproduktion.
- PerioperativPerioperativ
Perioperativ bezeichnet den gesamten Zeitraum rund um eine Operation: präoperative Phase (Vorbereitung und Diagnostik), intraoperative Phase (Anästhesie und Eingriff) und postoperative Phase (Überwachung und Nachsorge).
[Zum Glossareintrag] besonders relevant wegen Hypoglykämie-, Infektions- und AspirationsrisikoAspirationsrisiko
Das Aspirationsrisiko beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass Mageninhalt oder andere Flüssigkeiten in die Lunge gelangen. Es wird durch Faktoren wie nicht eingehaltene Nüchternheit, Reflux, Ileus oder Schwangerschaft erhöht und beeinflusst die Wahl des Narkoseverfahrens und der Atemwegssicherung (z. B. rapid sequence induction).
[Zum Glossareintrag]. - SGLT2-Hemmer müssen perioperativ rechtzeitig beachtet werden.
Kurzdefinition und Einordnung
Der Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, bei der der Blutzuckerspiegel dauerhaft erhöht ist. Ursache ist ein absoluter Insulinmangel, eine verminderte Insulinwirkung oder eine Kombination aus beidem. Betroffen ist vor allem der Kohlenhydratstoffwechsel, langfristig jedoch nahezu jedes Organsystem. Für den OP und die AnästhesieKreissystem
Im Anästhesiekreissystem wird das Atemgas rückgeführt, gefiltert und mit frischem Gas ergänzt. Es ermöglicht effiziente Inhalationsanästhesie, CO₂-Elimination über den Kalkabsorber und Einstellung der Narkosegase.
[Zum Glossareintrag] ist Diabetes besonders relevant, weil er das Risiko für Infektionen, Wundheilungsstörungen, kardiovaskuläre Komplikationen und akute Stoffwechselentgleisungen erhöht.
Leitsymptome
- Polyurie.
- Polydipsie.
- Gewichtsverlust, vor allem bei Typ-1-Diabetes.
- Müdigkeit und Leistungsminderung.
- Langsame Wundheilung.
- Wiederkehrende Infektionen.
- Verschwommenes Sehen.
Ursachen und Formen
Typ-1-Diabetes
- Autoimmunerkrankung.
- Zerstörung der insulinproduzierenden Beta-Zellen des Pankreas.
- Absoluter Insulinmangel.
Typ-2-Diabetes
- Insulinresistenz der Körperzellen.
- Im Verlauf nachlassende Insulinproduktion.
- Relativer, später oft auch absoluter Insulinmangel.
Weitere Diabetesformen
- Gestationsdiabetes.
- Genetische Diabetesformen, zum Beispiel MODY.
- Pankreaserkrankungen.
- Medikamenteninduziert, zum Beispiel durch Glukokortikoide.
Risikofaktoren
- Adipositas.
- Bewegungsmangel.
- Höheres Alter.
- Familiäre Belastung.
- Ungünstige Ernährung.
- Metabolisches Syndrom.
Pathophysiologie
Insulin fehlt oder wirkt nicht ausreichend. Dadurch kann Glukose nicht genügend in Muskel- und Fettzellen aufgenommen werden. Der Blutzuckerspiegel steigt an, und die Niere scheidet überschüssige Glukose aus. Durch die osmotische Diurese entstehen Polyurie und Flüssigkeitsverlust. Trotz hoher Blutzuckerwerte leiden die Zellen unter Energiemangel, sodass der Körper Fett und Eiweiß abbaut. Bei Typ-1-Diabetes kann das bis zur Ketoazidose führen; bei Typ-2-Diabetes steht eher das hyperosmolare hyperglykämische Syndrom im Vordergrund. Chronische Hyperglykämie schädigt außerdem Blutgefäße und Nerven.
Symptome
Typische Symptome
- Polyurie.
- Polydipsie.
- Müdigkeit.
- Leistungsknick.
- Gewichtsverlust.
- Trockene Haut.
- Verschwommenes Sehen.
Weitere mögliche Symptome
- Juckreiz.
- Pilzinfektionen.
- Harnwegsinfekte.
- Schlechte Wundheilung.
- Parästhesien.
Warnzeichen / Red Flags
- Bewusstseinsstörungen.
- Acetongeruch der Atemluft.
- Erbrechen.
- Tiefe, schnelle AtmungRespiration
Respiration bezeichnet den Prozess des Gasaustauschs über die Lunge: Aufnahme von Sauerstoff und Abgabe von Kohlendioxid. Sie ist lebenswichtig für den Zellstoffwechsel und wird im OP und auf Intensivstation kontinuierlich überwacht.
[Zum Glossareintrag], zum Beispiel Kussmaul-Atmung. - Schwere Exsikkose.
- Symptome einer Hypoglykämie wie Schwitzen, Zittern, Verwirrtheit, Krampf oder Bewusstlosigkeit.
Diagnostik
Klinische Untersuchung
- Symptome der Hyper- oder Hypoglykämie.
- Hydratationszustand.
- Fußinspektion.
- Neurologischer Status.
- BlutdruckBlutdruck
Blutdruck ist der Druck des Blutes in den Arterien. In der Anästhesie ist die kontinuierliche Überwachung entscheidend, um Hypo- oder Hypertonie rechtzeitig zu erkennen.
[Zum Glossareintrag]. - BMI.
Labor
| Parameter | Bedeutung |
|---|---|
| BlutzuckerBlutzucker Der Blutzucker ist der Glukosegehalt im Blut. Perioperativ ist eine Normoglykämie anzustreben, da Hyper- oder Hypoglykämie Komplikationen begünstigen. [Zum Glossareintrag] |
Akute Stoffwechsellage |
| HbA1c | Durchschnittlicher Blutzucker der letzten 8–12 Wochen |
| Uringlukose | Hinweis auf Hyperglykämie |
| Ketonkörper | Nachweis einer Ketoazidose |
| BlutgasanalyseBGA Die Blutgasanalyse (BGA) misst pH, pCO₂, pO₂, Elektrolyte und Laktat. Sie ist essenziell zur Beurteilung von Oxygenierung und Ventilation sowie des metabolischen Status. [Zum Glossareintrag] |
Azidosebeurteilung |
| ElektrolyteElektrolyte Elektrolyte wie Natrium, Kalium oder Calcium sind essenziell für Zellfunktionen und Erregbarkeit. Perioperativ müssen Verschiebungen rasch erkannt und korrigiert werden. [Zum Glossareintrag] |
Kaliumverschiebungen erkennen |
| KreatininKreatinin Kreatinin entsteht im Muskelstoffwechsel und wird renal filtriert. Es dient als Marker der Nierenfunktion und wird zur Abschätzung der glomerulären Filtrationsrate genutzt. [Zum Glossareintrag] / eGFR |
Nierenfunktion |
Diagnosekriterien
- Nüchternblutzucker ≥ 126 mg/dl.
- HbA1c ≥ 6,5 %.
- Gelegentlicher Plasma-Glukosewert ≥ 200 mg/dl mit typischer Symptomatik.
- Pathologischer oGTT.
Weitere Diagnostik
- Oraler Glukosetoleranztest, besonders bei unklaren Fällen.
- Diabetes-Autoantikörper bei Verdacht auf Typ 1.
- C-Peptid zur Beurteilung der körpereigenen Insulinproduktion.
Bildgebung
Nicht zur Diagnosestellung erforderlich, aber je nach Folgeerkrankung sinnvoll: Funduskopie, Gefäßdiagnostik, Duplexsonographie und Echokardiographie.
Therapie
Konservativ
- Gewichtsreduktion.
- Ernährungsumstellung.
- Regelmäßige Bewegung.
- Rauchstopp.
- Patientenschulung.
Medikamentös
| Medikament | Wirkung | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Insulin | Ersetzt fehlendes Insulin | Unverzichtbar bei Typ 1 |
| Metformin | Senkt hepatische Glukoseproduktion | Standard bei Typ 2 |
| SGLT2-Hemmer | Steigern Glukoseausscheidung über die Niere | Risiko einer euglykämischen Ketoazidose |
| GLP-1-Rezeptoragonisten | Steigern glukoseabhängige Insulinfreisetzung, fördern Gewichtsabnahme | Verzögerte Magenentleerung |
| DPP-4-Hemmer | Verlängern Wirkung körpereigener Inkretine | Geringe Hypoglykämiegefahr |
| Sulfonylharnstoffe | Steigern Insulinfreisetzung | Erhöhtes Hypoglykämierisiko |
Operativ
Der Diabetes selbst wird nicht operativ behandelt. Eingriffe erfolgen eher bei Begleiterkrankungen oder Folgen, zum Beispiel bariatrische Chirurgie bei Adipositas, Amputationen oder Revaskularisationen bei diabetischen Komplikationen.
Komplikationen
Akut
- Hypoglykämie.
- Diabetische Ketoazidose.
- Hyperosmolares hyperglykämisches Syndrom.
- Schwere Exsikkose.
Chronisch
- Mikroangiopathie.
- Diabetische Retinopathie.
- Diabetische Nephropathie.
- Diabetische Neuropathie.
- Makroangiopathie.
- Koronare Herzkrankheit.
- HerzinfarktMyokardinfarkt
Akute ischämische Nekrose von Herzmuskelgewebe infolge Koronargefäßverschluss. Klinisch relevant perioperativ durch erhöhtes Risiko bei KHK-Patienten; erfordert sorgfältige Risikoabschätzung und Überwachung.
[Zum Glossareintrag]. - Schlaganfall.
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit.
- Diabetisches Fußsyndrom.
- Chronische Wundheilungsstörungen.
Lebensbedrohlich
- Hypoglykämisches Koma.
- Ketoazidotisches Koma.
- Hyperosmolares Koma.
- Sepsis infolge diabetischer Infektionen.
Anästhesiologische Besonderheiten
Präoperativ
- Aktuellen Blutzucker bestimmen.
- HbA1c berücksichtigen.
- Antidiabetika prüfen und perioperativ anpassen.
- Insulintherapie individuell planen.
- Folgeerkrankungen beachten, vor allem KHKKHK
Bei koronarer Herzkrankheit besteht ein erhöhtes Risiko für perioperative Myokardischämien. Wichtig sind stabile Hämodynamik, Vermeidung von Tachykardie und Hypotonie sowie das Fortführen von β-Blockern und Statinen. Eine engmaschige Überwachung wird empfohlen.
[Zum Glossareintrag], Nephropathie, Neuropathie und Gastroparese. - Erhöhtes AspirationsrisikoAspirationsrisiko
Das Aspirationsrisiko beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass Mageninhalt oder andere Flüssigkeiten in die Lunge gelangen. Es wird durch Faktoren wie nicht eingehaltene Nüchternheit, Reflux, Ileus oder Schwangerschaft erhöht und beeinflusst die Wahl des Narkoseverfahrens und der Atemwegssicherung (z. B. rapid sequence induction).
[Zum Glossareintrag] bei Gastroparese bedenken. - SGLT2-Hemmer rechtzeitig pausieren.
Intraoperativ
- Regelmäßige Blutzuckerkontrollen, bei längeren Eingriffen häufig alle 1 bis 2 Stunden.
- Zielbereich je nach Setting und Patient individuell.
- Engmaschige Kontrolle bei Insulininfusion.
- Elektrolyte, besonders Kalium, überwachen.
- Ausreichende FlüssigkeitstherapieVolumenersatz
Volumenersatz bezeichnet die Gabe von Kristalloiden, Kolloiden oder Blutprodukten zur Behandlung von Volumenmangelzuständen, z. B. bei Blutverlust, Dehydratation oder Schock. Ziel ist die Stabilisierung von Kreislauf und Organdurchblutung.
[Zum Glossareintrag] sicherstellen. - Wärmeerhalt zur Vermeidung zusätzlichen Stoffwechselstresses.
Postoperativ
- Diabetesmedikation früh und kontrolliert wieder aufnehmen.
- Engmaschige Blutzuckerkontrollen fortführen.
- Hypo- und Hyperglykämien vermeiden.
- Wundheilung beobachten.
- Infektionszeichen früh erkennen.
No-Gos / besondere Vorsicht
- Unbehandelte Hypoglykämie.
- Zu strenge Blutzuckereinstellung mit vermeidbarem Hypoglykämierisiko.
- SGLT2-Hemmer perioperativ übersehen.
Praktisches Management
Vorbereitung
- Blutzucker messen.
- Diabetesausweis kontrollieren.
- Aktuelle Medikation dokumentieren.
- Infusionslösungen vorbereiten.
- Hypoglykämiebehandlung bereithalten.
Assistenz / Durchführung
- Regelmäßige Blutzuckermessungen.
- Insulingabe nach ärztlicher Anordnung.
- Dokumentation aller Werte.
- Aseptisches Arbeiten wegen erhöhter Infektionsanfälligkeit.
Nachsorge
- Nahrungsaufnahme berücksichtigen.
- Blutzucker weiter überwachen.
- Auf neurologische Veränderungen achten.
- Fußkontrolle bei längerer Immobilisation.
Beobachtung
- VigilanzVigilanz
Vigilanz bezeichnet den Grad der Wachheit bzw. Bewusstseinslage eines Patienten, von klar orientiert bis komatös. In der Anästhesie dient die Vigilanzbeurteilung vor allem der Einschätzung von Narkosetiefe und postoperativem Verlauf.
[Zum Glossareintrag]. - KreislaufKreislauf
Der Kreislauf umfasst Herz und Blutgefäße und dient dem Transport von Sauerstoff, Nährstoffen, CO₂ und Medikamenten. In der Anästhesie stehen hämodynamische Stabilität und Organperfusion im Mittelpunkt.
[Zum Glossareintrag]. - Diurese.
- Wundheilung.
- Zeichen einer Hypo- oder Hyperglykämie.
Kommunikation
- Letzte Blutzuckerwerte übergeben.
- Besonderheiten der Medikation weitergeben.
- Auffälligkeiten sofort melden.
Dokumentation
- Blutzuckerwerte.
- Insulindosen.
- Medikamente.
- Infusionen.
- Besonderheiten und Komplikationen.
Merke
- Typ-1-Diabetes bedeutet absoluten Insulinmangel.
- Typ-2-Diabetes ist zunächst vor allem durch Insulinresistenz geprägt.
- Hypoglykämien sind perioperativ oft gefährlicher als mäßige Hyperglykämien.
- Gastroparese erhöht das Aspirationsrisiko.
- Gute Blutzuckereinstellung verbessert Wundheilung und senkt Infektionen.
Epidemiologie
Etwa 90 bis 95 % aller Diabetesfälle entfallen auf den Typ-2-Diabetes. Typ-1-Diabetes macht etwa 5 bis 10 % aus. Die Häufigkeit nimmt weltweit zu, und Typ-2-Diabetes tritt zunehmend auch bei jüngeren Menschen auf, besonders bei Adipositas und Bewegungsmangel.
Mindmap
Quellen und weiterführende Links
Fach- und Leitlinienquellen
- American Diabetes Association – Standards of Care in Diabetes
- American Diabetes Association – Diabetes Diagnosis & Tests
- Deutsche Diabetes Gesellschaft – Leitlinien & Praxisempfehlungen
- AWMF-Leitlinienregister
Perioperative und anästhesiologische Quellen
- Society for Ambulatory Anesthesia – Updated Consensus Statement on Perioperative Blood Glucose Management
- Perioperative Hyperglycemia Management: An Update
- Perioperative management of SGLT2 inhibitors and GLP-1 receptor agonists


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