Notfall Bronchospasmus

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis wird geladen …

Der BronchospasmusBronchospasmus
Bronchospasmus ist eine Verengung der Bronchien durch Kontraktion der Muskulatur. Er äußert sich durch Stridor, erhöhten Atemwegsdruck und Abfall der Sättigung.
[Zum Glossareintrag]
ist eine akute Verengung der kleinen Atemwege durch Kontraktion der glatten Bronchialmuskulatur. Er gehört zu den häufigeren respiratorischen Zwischenfällen während Anästhesien, besonders bei Patienten mit Asthma, COPD oder allergischer Prädisposition.

Ein schwerer Bronchospasmus kann schnell zu HypoxieHypoxie
Hypoxie beschreibt einen Sauerstoffmangel im Gewebe, der trotz normaler oder erniedrigter Blutwerte auftreten kann. Sie gefährdet besonders Gehirn, Herz und Niere und zeigt sich klinisch unter anderem durch Unruhe, Tachykardie und Bewusstseinsstörungen.
[Zum Glossareintrag]
, HyperkapnieHyperkapnie
Hyperkapnie bezeichnet einen erhöhten CO₂‑Gehalt im arteriellen Blut, meist bedingt durch Hypoventilation. Sie führt zu respiratorischer Azidose, Bewusstseinsveränderungen und Kreislaufbelastung und muss durch Anpassung der Ventilation behandelt werden.
[Zum Glossareintrag]
und Beatmungsschwierigkeiten führen. Daher ist ein schnelles, strukturiertes Management entscheidend.

Ursachen und Pathophysiologie

Häufige Auslöser

  • Reizung der Atemwege (IntubationIntubation
    Intubation bezeichnet das Einführen eines Tubus in die Trachea zur Sicherung der Atemwege. Sie erfolgt meist unter direkter oder videounterstützter Laryngoskopie und ermöglicht kontrollierte Beatmung und Schutz vor Aspiration.
    [Zum Glossareintrag]
    , Absaugen)
  • zu leichte AnästhesietiefeAnästhesietiefe
    Die Anästhesietiefe beschreibt den Grad der Bewusstseins- und Reflexdämpfung während einer Narkose. Sie kann klinisch (Pupillenreaktion, Bewegung, vegetative Zeichen) und mit Monitoringverfahren wie BIS oder EEG-basierten Indizes eingeschätzt werden, um Awareness und Überdosierung zu vermeiden.
    [Zum Glossareintrag]
    bei Manipulation
  • Anaphylaktische Reaktion / allergische Reaktion
  • Histaminfreisetzende Medikamente (z. B. AtracuriumAtracurium
    Atracurium ist ein nicht-depolarisierendes Muskelrelaxans mittlerer Wirkdauer, das überwiegend organunabhängig über Hofmann-Elimination abgebaut wird. Es eignet sich daher auch bei Patienten mit eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion, kann jedoch Histaminfreisetzung mit Blutdruckabfall verursachen.
    [Zum Glossareintrag]
    , MorphinMorphin
    Stark wirksames Opioid und Referenzsubstanz der Opioidanalgesie. Wirkt analgetisch, sedierend und anxiolytisch, mit vergleichsweise langsamer Anflutung und längerer Wirkdauer. Typische Nebenwirkungen: Übelkeit, Obstipation, Atemdepression.
    [Zum Glossareintrag]
    )
  • mechanische Reizung (Blut, SekretSekret
    Sekret ist vom Körper gebildete Flüssigkeit, z. B. Schleim in Atemwegen oder Speichel. Im Anästhesiealltag ist ein strukturiertes Sekretmanagement wichtig, um Aspirations- und Obstruktionsrisiken zu reduzieren.
    [Zum Glossareintrag]
    , Fremdkörper)
  • Atemwegsinfekte
  • bronchiale Hyperreagibilität
  • kalte oder trockene Gase
  • Nikotin-Abusus

Pathophysiologie

Durch Kontraktion der Bronchialmuskulatur kommt es zu:

  • starker Atemwegsobstruktion
  • erhöhtem AtemwegsdruckBeatmungsdruck
    Der Beatmungsdruck ist der Druck, mit dem Luft in die Lunge eingebracht wird. Zu hohe Drücke können Baro- oder Volutrauma verursachen, zu niedrige Drücke führen zu Atelektasen.
    [Zum Glossareintrag]
  • Air-trapping → Hyperkapnie
  • unzureichendem GasaustauschGasaustausch
    Der Gasaustausch beschreibt in den Alveolen die Aufnahme von Sauerstoff in das Blut und die Abgabe von Kohlendioxid. Er hängt von Ventilation, Perfusion und Diffusion ab und ist ein wesentlicher Parameter der respiratorischen Funktion.
    [Zum Glossareintrag]
    → Hypoxie
  • In schweren Fällen entsteht ein „near-fatal asthma“-ähnlicher Zustand.

Frühe Warnzeichen und typische Symptome

Klinische Zeichen

  • Giemen / pfeifende Atemgeräusche
  • exspiratorische Verlängerung
  • schlechtere VentilationVentilation
    Ventilation bezeichnet die Belüftung der Lunge, entweder spontan oder maschinell über ein Beatmungsgerät. Sie stellt den Gasaustausch sicher und ist zentrales Element der Anästhesie und Intensivmedizin.
    [Zum Glossareintrag]
    / „kein guter Hub am Beutel“
  • fallende Sättigung
  • zunehmende Tachykardie oder Unruhe

MonitoringMonitoring
Kontinuierliche Überwachung physiologischer Parameter wie EKG, Blutdruck, SpO₂, Atemfrequenz, Kapnographie und Temperatur während Anästhesie oder Intensivtherapie, um kritische Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
[Zum Glossareintrag]

  • deutlicher Anstieg des Atemwegsdrucks
  • abgeflachte EtCO₂-Kurve („shark-fin“)
  • steigendes EtCO₂ durch Air-trapping
  • Hypoxie

Bei „silent chest“ → sehr schwerer Spasmus.

Akutmaßnahmen im OP (Algorithmus)

  • Auslöser stoppen
  • Reizung vermeiden (Intubation/Absaugen unterbrechen)
  • Tiefe der AnästhesieNarkosetiefe
    Grad der Bewusstseinsdämpfung und Analgesie unter Anästhetika. Wird klinisch (z. B. Reflexe, Puls, Blutdruck) und technisch (z. B. BIS) überwacht, um Unter- oder Überdosierung und intraoperative Wachheit zu vermeiden.
    [Zum Glossareintrag]
    erhöhen
  • 100 % Sauerstoff
  • kontrollierte BeatmungVentilation
    Ventilation bezeichnet die Belüftung der Lunge, entweder spontan oder maschinell über ein Beatmungsgerät. Sie stellt den Gasaustausch sicher und ist zentrales Element der Anästhesie und Intensivmedizin.
    [Zum Glossareintrag]
  • längere Exspirationszeit (I:E = 1:3 oder 1:4)
  • vermeiden von hohem TidalvolumenAtemhubvolumen
    Das Atemhubvolumen (Tidalvolumen) ist die Luftmenge, die mit einem Atemzug ein- oder ausgeatmet wird. In der Beatmungstherapie wird es in ml/kg eingestellt, um eine ausreichende Ventilation bei gleichzeitiger Minimierung volutraumaassoziierter Lungenschäden zu erreichen.
    [Zum Glossareintrag]

Medikamentöse Behandlung

Erste Wahl:

  • Beta-2-Mimetika (Salbutamol via TubusEndotrachealtubus
    Ein Schlauch zur Sicherung der Atemwege, wird bei Intubation in die Luftröhre eingeführt.
    [Zum Glossareintrag]
    )
  • AnästhesieKreissystem
    Im Anästhesiekreissystem wird das Atemgas rückgeführt, gefiltert und mit frischem Gas ergänzt. Es ermöglicht effiziente Inhalationsanästhesie, CO₂-Elimination über den Kalkabsorber und Einstellung der Narkosegase.
    [Zum Glossareintrag]
    vertiefen, z. B. SevofluranSevofluran
    Sevofluran ist ein modernes inhalatives Anästhetikum mit einem angenehmen Geruch, das häufig bei der Anästhesieinduktion und -aufrechterhaltung eingesetzt wird. Es zeichnet sich durch eine schnelle Anflutung und gute Steuerbarkeit aus.
    [Zum Glossareintrag]
    (stark bronchodilatierend)

Weitere Optionen:

  • KetaminKetamin
    Ketamin ist ein dissoziatives Anästhetikum mit analgetischer und psychotroper Wirkung. Es wird zur Narkoseeinleitung, Analgosedierung und Schmerztherapie eingesetzt. S-Ketamin (Esketamin) ist das pharmakologisch aktivere Enantiomer des Ketamins mit höherer Potenz und geringeren Nebenwirkungen. Beide Formen finden in der Anästhesie, Notfall- und Schmerzmedizin Anwendung.
    [Zum Glossareintrag]
    0,5–1 mg/kg i.v. (bronchodilatatorisch)
  • AdrenalinAdrenalin
    Katecholamin mit starker Wirkung an alpha- und beta-Rezeptoren, das Herzfrequenz, Kontraktilität und Blutdruck steigert. In der Anästhesie wird es u. a. in der Reanimation, bei anaphylaktischem Schock oder als Zusatz zu Lokalanästhetika eingesetzt, muss aber aufgrund arrhythmogener und ischämiefördernder Effekte streng dosiert werden.
    [Zum Glossareintrag]
    (bei schweren Spasmen oder Anaphylaxie)
    – 10–20 µg i.v. bolusweise oder Inhalation
  • Ipratropium (AnticholinergikumAnticholinergikum
    Anticholinergika blockieren muskarinerge Acetylcholinrezeptoren und vermindern so parasympathische Effekte. In der Anästhesie werden sie z. B. zur Behandlung von Bradykardien, zur Sekretreduktion oder in Kombination mit Cholinesterasehemmern zur Relaxansantagonisierung eingesetzt.
    [Zum Glossareintrag]
    ) – ergänzend
  • MagnesiumsulfatMagnesiumsulfat
    Intravenöses Adjuvans mit NMDA-antagonistischem Effekt, das die Schmerztherapie unterstützen und den Opioidbedarf senken kann. Blutdruck, Reflexe und Nierenfunktion müssen überwacht werden.
    [Zum Glossareintrag]
    (bei therapierefraktären Fällen)

Anaphylaxie ausschließen

  • Bei hypotensivem Bronchospasmus → Anaphylaxie hochgradig wahrscheinlich.

Beatmung anpassen

  • niedriges Tidalvolumen
  • permissive Hyperkapnie tolerieren
  • kein aggressiver PEEPPEEP
    PEEP ist ein zusätzlicher Druck am Ende der Exspiration, der das vollständige Kollabieren der Alveolen verhindert und so den Gasaustausch verbessert. Er ist ein zentrales Einstellelement bei der Beatmung und muss individuell an Lunge und Kreislaufsituation angepasst werden.
    [Zum Glossareintrag]
    (kann Air-trapping verschlechtern)

Weiterführendes Management und ÜberwachungMonitoring
Kontinuierliche Überwachung physiologischer Parameter wie EKG, Blutdruck, SpO₂, Atemfrequenz, Kapnographie und Temperatur während Anästhesie oder Intensivtherapie, um kritische Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
[Zum Glossareintrag]

  • Blutgas (Hyperkapnie, AzidoseAzidose
    Azidose bezeichnet eine Absenkung des Blut-pH-Werts unter den Normbereich und kann respiratorische (CO₂-Anstieg) oder metabolische Ursachen (z. B. Laktatanstieg) haben. Sie beeinträchtigt Herzfunktion, Gefäßtonus und Medikamentenwirkung und muss im perioperativen Setting durch Behandlung der Ursache und ggf. Pufferung adressiert werden.
    [Zum Glossareintrag]
    )
  • ggf. bronchoskopische Kontrolle bei Verdacht auf Sekret oder Fremdkörper
  • bei schweren Fällen intensivmedizinische Überwachung
  • postoperative Bronchodilatation fortführen
  • AnalgesieAnalgesie
    Analgesie bezeichnet den Zustand der Schmerzfreiheit oder deutlich reduzierten Schmerzempfindung bei erhaltenem Bewusstsein. Sie kann medikamentös, z. B. durch Opioide und Nicht-Opioid-Analgetika, oder regionalanästhesiologisch erreicht werden und ist ein zentrales Ziel der perioperativen Versorgung.
    [Zum Glossareintrag]
    ohne histaminfreisetzende Substanzen
  • Extubation nur bei stabiler Atemmechanik

Besonderheiten und Fallstricke

  • Bronchospasmus wird oft mit LaryngospasmusLaryngospasmus
    Reflektorischer Verschluss der Stimmritze durch Verkrampfung der Kehlkopfmuskulatur. Führt zu akuter Atemwegsobstruktion mit Stridor oder kompletter Stille; sofortiges Management erforderlich.
    [Zum Glossareintrag]
    verwechselt
    → beim Bronchospasmus ist die Ventilation zumindest teilweise möglich
  • bei COPD-Patienten droht rascher Barotrauma
  • Air-trapping kann KreislaufKreislauf
    Der Kreislauf umfasst Herz und Blutgefäße und dient dem Transport von Sauerstoff, Nährstoffen, CO₂ und Medikamenten. In der Anästhesie stehen hämodynamische Stabilität und Organperfusion im Mittelpunkt.
    [Zum Glossareintrag]
    beeinflussen (verminderter venöser Rückfluss)
  • Sevofluran ist deutlich bronchodilatierender als DesfluranDesfluran
    Desfluran ist ein inhalatives Anästhetikum, das vor allem durch seine extrem schnelle Anflutung und Eliminierung charakterisiert ist. Es wird vor allem in der Allgemeinanästhesie eingesetzt.
    [Zum Glossareintrag]

    (Desfluran kann sogar einen Spasmus triggern)
  • 7. Prävention im klinischen Alltag
    Präoperativ
  • gute Anamnese (Asthma, COPD, Reflux, Infekte)
  • bronchodilatative Medikation fortführen
  • präoperative inhalative Beta-2-Mimetika bei gefährdeten Patienten

Intraoperativ

  • ausreichende NarkosetiefeNarkosetiefe
    Grad der Bewusstseinsdämpfung und Analgesie unter Anästhetika. Wird klinisch (z. B. Reflexe, Puls, Blutdruck) und technisch (z. B. BIS) überwacht, um Unter- oder Überdosierung und intraoperative Wachheit zu vermeiden.
    [Zum Glossareintrag]
    bei Manipulation
  • reizfreie Intubation (LidocainLidocain
    Mittel- bis langwirksames Lokalanästhetikum mit schneller Anflutung. Einsetzbar für Infiltrations-, Leitungs- und Regionalanästhesie sowie zur antiarrhythmischen Therapie (Klasse Ib).
    [Zum Glossareintrag]
    -Spray optional)
  • warme, befeuchtete Gase
  • vorsichtiges Absaugen
  • Vermeiden histaminfreisetzender Substanzen

Postoperativ

  • Extubation bei ausreichender Tiefe oder vollständig wach
  • weiterführende Inhalationstherapie bei Risikopatienten

Literatur und Quellen

DGAI / AWMF S1-Leitlinie AtemwegsmanagementAtemwegsmanagement
Atemwegsmanagement umfasst alle Maßnahmen zur Sicherung und Aufrechterhaltung eines freien und suffizienten Atemwegs, von einfachen Lagerungs- und Maskentechniken bis zur endotrachealen Intubation oder invasiven Notfallzugängen. Es ist eine Kernkompetenz der Anästhesie und entscheidend für die Patientensicherheit.
[Zum Glossareintrag]
(2023)
Enthält Empfehlungen zur Behandlung bronchialer Obstruktionen.
https://register.awmf.org/assets/guidelines/001-028l_S1_Atemwegsmanagement_2023-09.pdf

Springer Medizin – Kapitel „BronchospasmusBronchospasmus
Bronchospasmus ist eine Verengung der Bronchien durch Kontraktion der Muskulatur. Er äußert sich durch Stridor, erhöhten Atemwegsdruck und Abfall der Sättigung.
[Zum Glossareintrag]
“ (emedpedia)
Übersicht zu Ursachen, Risikofaktoren und Therapie.
https://www.springermedizin.de/emedpedia/detail/die-anaesthesiologie/bronchospasmus?epediaDoi=10.1007%2F978-3-662-45539-5_156

Thieme – AtemwegsmanagementAtemwegsmanagement
Atemwegsmanagement umfasst alle Maßnahmen zur Sicherung und Aufrechterhaltung eines freien und suffizienten Atemwegs, von einfachen Lagerungs- und Maskentechniken bis zur endotrachealen Intubation oder invasiven Notfallzugängen. Es ist eine Kernkompetenz der Anästhesie und entscheidend für die Patientensicherheit.
[Zum Glossareintrag]
und Bronchiale Obstruktion
Lehrbuchkapitel zu Obstruktion, BronchospasmusBronchospasmus
Bronchospasmus ist eine Verengung der Bronchien durch Kontraktion der Muskulatur. Er äußert sich durch Stridor, erhöhten Atemwegsdruck und Abfall der Sättigung.
[Zum Glossareintrag]
und Differenzialdiagnostik.
https://www.thieme-connect.de/products/ebooks/pdf/10.1055/b-0039-171171.pdf

PMC – Komplikationen und Zwischenfälle unter NarkoseNarkose
Zustand aus bewusstseinsverlustbedingter Schmerzfreiheit, Amnesie und Reflexdämpfung bis -losigkeit, meist mit kontrollierter Atemwegssicherung. Voraussetzung für die Durchführung größerer chirurgischer Eingriffe.
[Zum Glossareintrag]

Enthält epidemiologische Daten zu BronchospasmusBronchospasmus
Bronchospasmus ist eine Verengung der Bronchien durch Kontraktion der Muskulatur. Er äußert sich durch Stridor, erhöhten Atemwegsdruck und Abfall der Sättigung.
[Zum Glossareintrag]
im OP.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7531537/

Auch interessant:

Schlagworte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert